"Ich kenn' ja nix von der, aber meine Freundinnen da hinten

würden echt gerne was von Helene Fischer hören."

Aus dem Alltag eines DJs -  Dezember 2017


Platte des Monats (2018)

Hier findet Ihr die Platten des Monats aus dem Jahre 2018.

 

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Dezember 2018

The DT's - Filthy Habits

 

2007, Get Hip Records, GH-1137

Side A: April holeso, Mystified, Freedom, Crowfinger, Turn loose 

Side B: Red eye, Sweet words, Star time, Sugar pie, Light's out  

 

 

 

 The DT’s - Filthy Habits (2007) 

Es wird mal wieder Zeit für etwas E-Gitarre in dieser Rubrik: das 2007er-Album Filthy Habits der Band The DT’s bietet eine wunderbare Mischung aus 70ies-Rock und Garage Rock. Der Gitarrensound ist so dreckig, rotzig und gemein, dass es eine wahre Freude ist.  Und die Rockröhre von Diana Young-Blanchard ist das Sahnehäubchen auf der Partytorte! Manchmal erinnern mich die Songs etwas an Skunk Anansie, aber eben ohne die poppige Kommerzproduktion - wie so oft ist weniger eben mehr.  Als Anspieltipps würde ich Mystified und Crowfinger von der A-Seite und Sweet Words von der B-Seite empfehlen. Die Platte taugt aber durchaus auch zum am Stück durchhören, was in diesem Genre nicht oft der Fall ist. Einzig das Instrumental Star Time fesselt mich nicht so stark wie der Rest der Platte. Also, sehr laut aufdrehen und schauen was passiert: von leicht mit dem Fuß wippen bis wild gestikulierend mittanzen ist alles möglich, erlaubt und erwünscht.

 

[Jochen Praefcke]



November 2018

Lee Clayton:

- Border Affair, 1978, EMI/Capitol, 1C064-85446

- Naked Child, 1979, EMI/Capitol, ST-119042 

- The dream goes on, 1981, EMI/Capitol, 1C064-86343

 

 

 

 

Lee Clayton:
Border Affair (1978)
Naked Child (1979)

The dream goes on (1981)

 

Dieses Mal eher ein Künstler des Monats, nämlich Lee Clayton. Sein bekanntestes Album dürfte Naked Child von 1979 sein, welches sich gefühlt mehrfach in jeder Flohmarktkiste findet. Die Alben davor und danach  - Border Affair von 1978 und The Dream Goes On von 1981 - sind ungleich schwieriger aufzutreiben. Allesamt sind getragen von Lee Claytons faszinierendem Stil zwischen Rock und Outlaw Country-Musik, seiner unverwechselbaren Stimme und dem großartigen Songwriting. Es verhält sich ähnlich wie bei den Dire Straits: nur Lee Clayton klingt wie Lee Clayton, unverwechselbar. Und warum werden alle 3 Alben auf einmal vorgestellt? Weil sie wie aus einem Guss sind, man könnte glatt meinen, es handle sich um eine einzige Veröffentlichung. Als Hörbeispiele seien empfohlen: Back home in Tennessee vom Album "Border Affair“, 10.000 years/Sexual Moon (unbedingt bis zum Ende hören!) und If I can do it vom Album „Naked Child“ und Industry vom Album "The Dream Goes On“.

[Jochen Praefcke]



Oktober 2018

 

 

The Broken Circle Breakdown - The Broken Circle (Soundtrack), 2012

Tracklist: Will The Circle Be Unbroken,  The Boy Who Wouldn't Hoe Corn, Dusty Mixed Feelings, Wayfraring Stranger, Rueben's Train, Country In The Genes, Further On Up The Road, Where Are You Heading, Tumbleweed?, Over In The Gloryland, Cowboy Man, If I Needed You, Carved Tree Inn, Sand Mountain, Sister Rosetta Goes Before Us, Blackberry Blossom

 

Kaia Kater - Nine Pin, 2016

Tracklist: Saint Elizabeth, Little Pink, Paradise Fell, Rising Down, Harlem's Little Blackbird, Past, Nine Pin, Fine Times At Our House, Passing, Viper's Nest, White, Harvest And The Plough, Ti Chagrin, To Come, Hangman's Reel

 

 

 

 

The Broken Circle Breakdown
- The Broken Circle
 (2012)

Kaia Kater - Nine Pin (2016)

 

Mal wieder ein Doppelpack, dieses Mal aus der Ecke Bluegrass/Folk/Country-Musik der der eher meditativen Art: zum einen Kaia Kater mit ihrem 2016er Album "Nine Pin" und zum anderen der Soundtrack zum Film „The Broken Circle“ (von 2012), eingespielt von The Broken Circle Breakdown. "The Broken Circle" ist nicht nur einer der traurigsten  und zugleich schönsten Filme aller Zeiten, sondern auch ein Paradebeispiel dafür, wie die Atmosphäre eines Films maßgeblich durch die Musik geprägt werden kann: perfekte Folk-Arrangements mit Banjo, Akustikgitarren und allem was sonst noch so dazugehört  - und tolle Songs. Die Titel „The boy who wouldn’t hoe corn“  und „Further on up the road“ spiegeln perfekt wider, wie der Film „aussieht“ - gänzlich unmöglich die Lieder zu hören ohne sofort an den Film zu denken, wenn man ihn denn gesehen hat. Und andersherum wäre der Film ohne die Musik nicht denkbar. Und wenn man schon bei stimmungsvoller Banjo-Musik ist, dann muss man einfach die Kaia Kater-Platte erwähnen. Schon erstaunlich, was man mit dieser sparsamen Instrumentierung und in diesem Schneckentempo an Atmosphäre schaffen kann - vorausgesetzt natürlich man hat eine solch markante, schöne Stimme wie Kaia. Als Anspietltipps will ich Euch die ersten ersten beiden Songs „St. Elizabeth“ und „Little Pink“ ans Herz legen. 

[Jochen Praefcke]



September 2018

 

 

Dead Moon - Defiance

1990, Tombstone Records, T35

Side A: Milk cow blues, Not the only one, Crystal is falling, Revenge, Dagger moon

Side B: Walking on my grave, Johnny's got a gun, I'm out nine, Kicked out-kicked in, Unknown passage 

 

 

 

Dead Moon - Defiance (1990)

 

Diese Mal gibt es nichts geringeres als  eine der größten Platten der der do-it-yourself-Garage Rock-Bewegung, nämlich Defiance von Dead Moon. Ich hatte ja an anderer Stelle schon lang und breit über die Eheleute Fred und Toody Cole, die hier für Gitarre/Gesang bzw. Bass und fürs Songwriting zuständig sind, berichtet. Deren Platten entstehen im Hausflur zwischen Küche und Schlafzimmer und genau so klingen sie soundtechnisch auch. High-End geht anders. Das Songwriting und der Gänsehautfaktor sind hingegen unübertroffen. In „Dagger Moon" z.B. geht’s um die Zwänge, die einem das Leben auferlegt, und dass der gute Fred das einfach satt hat - WIE satt er das alles hat, wisst ihr spätestens nach der Zeile „Goddamn, I hate you“ gegen Ende des Lieds. Die Songs sind bis auf den Opener "Milk Cow Blues" allesamt von Fred Cole geschrieben und sind Paradebeispiele in Sachen effektive, energische Gittarenriffs ("Kicked out-kicked in" und "Walking on my grave" sind gute Beispiele hierfür). Und da der gute, kürzlich leider verstorbene Fred ein großer Poet war, lohnt es sich tatsächlich, auf die Texte zu hören. "It's only revenge, and the worst of it all, it all comes back to you" .... kannste Dir also sparen, die Sache mit der Rache.

PS - Mehr Informationen über Fred & Toody gibt's bei den Platten des Monats vom Februar 2017 und März 2018.

[Jochen Praefcke]



August 2018

 

 

Cracker - The Golden Age

1996, Virgin Records, LC3098

Tracklist: I hate my generation, I'm a little rocket ship, Big dipper, Nothing to believe in, The golden age, 100 flower power maximum, Dixie Babylon, I can't forget you, Sweet thistle pie, Useless stuff, How can I live without you, Bicycle spaniard 

 

 

 

 

Cracker -

The Golden Age (1996)

 

Das Album The Golden Age ist so abwechslungsreich (oder vielleicht sogar herrlich konzeptlos?), man könnte glatt meinen es sei ein Sampler. Einerseits der typische 90er Partyrock-Pseudo Punk - macht schon gute Laune, aber na ja, mehr auch nicht. Aber andererseits werden eben auch die leisen Töne angeschlagen, zu hören im phantastischen „Big Dipper“. Wow, wo kommt denn der tolle Song auf einmal her, auf so einem Album, aus so einem Jahrzehnt? Könnte glatt dem wunderbaren Alterswerk des Tom Petty entsprungen sein. Melancholisch, stimmungsvoll, einfach nur schön. Aber der Höhepunkt des Albums ist und bleibt der Classic-Rocker „Sweet Thistle Pie“ - definitiv der beste Song, den die Rolling Stones nie geschrieben haben (nun, eigentlich schon irgendwie, nur hieß er da halt Gimme Shelter). Damit die kurze Liste der Beispiele nicht ob der Qualität der ganzen Platte in die Irre führt, hier noch ein paar Anspieltipps: „Nothing to believe in“, „Useless Stuff“ oder auch der Opener „I hate my generation“ sind auch starke Songs und schreien geradezu 90er! Tja, und dann der Titelsong: lupenreiner Country Pop. Wie gesagt … abwechslungsreich bis herrlich konzeptlos.

[Jochen Praefcke]



Juli 2018

 

 

Counting Crows - August & Everything After

1993, Geffen, GED24528

Tracklist: Round here, Omaha, Mr. Jones, Perfect blue buildings, Anna begins, Time and time again, Rain king, Sullivan street, Ghost train, Raining in Baltimore, A murder of one

 

The Jayhawks - Hollywood Town Hall 

1992, Def American, 512-986-2

Tracklist: Waiting in the sun, Crowded in the wings, Clouds, Two angels, Take me with you (when you go), Sister Cry, Settled down like rain, Wichita, Nevada California, Martin's song 

 

 

 

 

Counting Crows - August & Everything After

The Jayhawks - Hollywood Town Hall 

Vom Debütalbum der Counting Crows (von 1993) kennt man ja vor allem "Mr. Jones", zwischenzeitlich etwas abgedroschen, aber immer noch ein richtig guter Song. Und vielleicht noch "Round Here" und "Rain King". Das ganze Album ist aber als Gesamtkunstwerk hörenswert, und wie so oft sind genau die nicht als Single ausgekoppelten Songs eigentlich die besten. Die melancholische Stimmung in "Perfect Blue Buildings" und "Anna Begins" zieht unweigerlich in ihren Bann, und immer wieder schimmert beim Gesang von Adam Duritz der gute Eddie Vedder von Pearl Jam durch, wie ich finde. Mit "Omaha" ist ein weiterer Song mit echten Ohrwurmqualitäten dabei - wie man den nicht als Single auskoppeln kann, ist mir schleierhaft. Mein absoluter Höhepunkt der Platte ist aber das todtraurige "Raining in Baltimore". Wirklich zum Mitheulen -  „…  but I had just no intention of living this way“. Genau, manchmal entwickeln sich die Dinge in der Tat anders als geplant. Und wenn ich an Counting Crows denke, muss ich auch immer gleich „Hollywood Townhall“ von The Jayhawks auflegen (von 1992)! Wahrscheinlich verbinde ich diese beiden Alben gedanklich immer, weil ich sie vor 25 Jahren zusammen gekauft habe. Und weil beide diese herrliche Wärme ausstrahlen - quasi die  soundgewordene Kuscheldecke. Bei The Jayhawks geht es etwas weniger folk-orientiert zu, die Instrumentierung ist etwas rocklastiger, ohne aber auch nur im Ansatz hart zu sein. Bisschen wie bei den Eagles (wobei dieser Vergleich hier jetzt mal ausnahmsweise nicht zur Abschreckung dienen soll). Die Songs sprechen für sich, fast jedes ein Juwel - wenn ein Album mit einem Song wie „Waiting for the Sun“ anfängt und dann nicht schlechter wird, dass ist es höchste Zeit, daraus ein Album des Monats zu machen. Auch dringend zum Anhören empfohlen: "Nevada, California". Country-Rock vom Feinsten!.

[Jochen Praefcke]



Juni 2018

 

 

Gogol Bordello - Pura Vida Conspiracy

2013, Vertigo

Tracklist: We rise again, Dig deep enough, Malandrino, Lost innocent world, It is the way you name your ship, The other side of the rainbow, Amen, I just realized, My gypsy auto pilot, Hieroglyph, John the conqueror, We shall sail 

 

 

 

 

 

Gogol Bordello -

Pura Vida Conspiracy (2013)

 

Es gibt Bands und Alben, die haben das gewisse Etwas, ein Alleinstellungsmerkmal: welche andere Band klingt denn z.B. wie die Dire Straits? Eben. Bei „Pura Vida Conspiracy“ von Gogol Bordello ist es die gute Laune - eine Riesenladung an Energie, ein Manifest der puren Spielfreude (Ihr wisst schon, diese kleine Sache, die Bob Dylan meistens fehlt). Habe ich sonst noch bei keinem anderen Album in diesem Ausmaß erlebt! Erstaunlicherweise handelt sich um ein Studioalbum, aber trotzdem fühle ich mich vom phantastischen Opener „We Rise Again“ an wie mitten im Konzert und muss stark an mich halten, nicht loszutanzen … und das wird bei den nächsten 3 Songs noch schlimmer, so dass man spätestens bei „Lost Innocent World“ von totalem Kontrollverlust über die eigene Körperästhetik ausgehen kann. Muss wohl an der fröhlichen Melange aus traditioneller Roma-Musik und Punk, der Instrumentierung mit Akkordeon und Geige, an Eugene Hützs ukrainisch-englischem Gesang liegen -  schwer zu beschreiben, also bitte anhören. Die Männer und Frauen um Bandleader Eugene haben aber nicht nur Spaß bei der Arbeit, sondern auch richtig Ahnung vom Songwriting. Melodisch und arrangement-technisch fährt ohnehin die Dampflok durchs Zimmer, aber eben auch textlich interessant: mal lustig und selbstironisch („My Gypsy Auto Pilot“, zugleich ein weiterer  Tanzpartyknaller), mal richtig tiefgründig - über die Textzeile „It is the way you name your ship, that’s the way it’s going to row“ lohnt es sich nachzudenken. Taugt durchaus als Lebensmotto, auch für garantiert schifflose Landratten wie mich. Mit „We shall sail“ findet die Tour de Force ein wunderschönes und ruhiges Ende. Den hidden track, der dann auf der CD-Ausgabe noch folgt, kann man sich getrost sparen. Denn kann ein Album schöner enden als mit der Erkenntnis „But nothing in this life is good or bad, it's we who dress it up as happy or sad“? Gilt leider nur für die eher kleineren Probleme der Weltgeschichte, aber trotzdem schön.

[Jochen Praefcke]



Mai 2018

The Sensational Alex Harvey Band - Framed

1972, Vertigo (Abbildung: Samurai Records, 1986 issue, SAH 119)

Side A: Framed, Hammer Song, Midnight Moses, Isobel Goudie

Side B: Buff's bar blues, I just want to make love to you, Hole in your stocking, There's no light on the Christmas Tree Mother they're burning Big Louie tonight, St. Anthony

 

 

 

 

The Sensational Alex Harvey Band - 

 Framed (1972)

 

Die erste Seite des Albums „Framed“ zählt wohl zu den stärksten ersten Seiten der Rockmusikgeschichte überhaupt – vier Songs, vier absolute Volltreffer. Fetter Gitarrensound, noch fettere Riffs, mit der richtigen Portion Dreck im Sound. Das eingängige „Framed“, dann der „Hammer Song“ (der mit der Akustikgitarre eingespielte erste Teil erzeugt unwillkürlich Gänsehaut), „Midnight Moses“ überbietet dann den elektrischen Teil vom „Hammer Song“ noch mal an Tempo und Härte. Dann kulminiert die erste Seite geradezu im epischen „Isobel Goudie“ – insbesondere hier drängt sich der gesangliche Vergleich zu Fred Cole und Roky Erickson auf. Mit Roky Erickson teilt sich Alex Harvey auch diesen herrlichen „Ich bin eben aus der geschlossenen Anstalt entkommen“-Vibe. Seite zwei fällt mit „Hole in your stocking“ und „There‘s no lights…“ etwas ab - beides keine schlechten Lieder, aber letztendlich nicht an den wirklich starken Rest des Albums heranreichend. Als kleiner Blick über den Albumrand will ich Euch noch den Song „Last Train“ vom ursprünglich nicht veröffentlichten Hot City-Album (als CD rechts unten auf dem Bild zu sehen) ans Herz legen. Ein absoluter Hammer-Harvey-Song, an Dramatik nur schwer zu überbieten (man braucht allerdings etwas Geduld, um das Intro durchzustehen … wahlweise erst ab 2:40 einsteigen). 

[Jochen Praefcke]



April 2018

Art Brut - Bang Bang Rock & Roll

2005, Banana Recordings/fierce Panda Records

Tracklist: Formed a band, My little brother, Emily Kane, Rusted Guns of Milan, Modern Art, Good weekend, Bang Bank Rock & Roll, Fight!, Moving to L.A., Bad weekend, Stand down, 18.000 Lira

 

Art Brut - It's a bit complicated

2007, EMI

Tracklist: Pump up the volume, Direct hit, St. Pauli, People in love, Late Sunday evening, I will survive, Post soothing out, Blame it on the trains, Sound of summer, Nag nag nag nag, Jealous guy

 

 

Art Brut - Bang Bang Rock & Roll (2005) + It’s a bit complicated (2007)

 

Der zu Musik gewordene Monty Python-Sketch: Eddie Argons putziger Dialekt beim Singen - bzw. vielmehr: Sprechen - und die herrlich blöden Texte dazu, das ist britische Furztrockenheit in Reinkultur! Art Brut waren damals wohl ein recht großes Ding der New British Wave-Bewegung, was damals aber ehrlich gesagt vollkommen an mir vorbeiging. Dafür kann ich mich heutzutage umso mehr über die Lebensweisheiten mitten aus dem Alltag freuen: man wird wohl mal kurz das heiße Vorspiel unterbrechen dürfen, um einen guten Popsong lauter zu drehen ("Pump up the Volume"). Auch großartig: man könnte doch eigentlich aus dem verregneten England nach Los Angeles umziehen, da ist doch sicher alles ganz toll und man kann mit Axl Rose rumhöngen ("Moving to L.A."). Sein etwas fehlerhaftes Deutsch hat Eddie übrigens von einer Single gelernt, deshalb kann er nur 'Punkrock ist nicht tot' sagen, zu hören im Refrain des großartigen "St. Pauli". Das dem Song "Rusted Guns of Milan" zugrundeliegende Männertrauma soll hier aus Jugendschutzgründen nicht weiter beleuchtet werden …  sehr lustig. Zugegeben, die Lieder klingen in der Tat alle weitestgehend identisch, aber faszinierenderweise gibt’s doch in jedem Song „ein gewisses Etwas“ zu entdecken. Texte hin oder her, die Platten funktionieren zum wild abtanzen genau so gut wie zum wirklich anhören und sinnieren. Zwei Hammeralben von der Insel!

[Jochen Praefcke]



März 2018

Top Down - Rough Roads

2017, Voodoo Douhgnut Recordings, VDR1706 

Side A: Silver ashes, Gier your luv, The tunnel, Wanna be alone, Shocks & struts, Blue mtn blues

Side B: She's gone, Rough road, Primitive & raw, Drink forever, Rocks to my head, Steer me

Top Down - Rough Roads (2017)

Meistens ist weniger eben mehr: 3 Leute, 3 Instrumente, Gesang. Mehr brauchen Top Down aus Portland/Oregon nicht, um einen den Zauber des Garagenrock in ganzer Pracht erleben zu lassen. Stimmt nicht ganz, gutes Songwriting zählt natürlich auch dazu, und davon haben Top Down mehr als genug. Aber Moment mal, Portland/Oregon und Garagenrock, da war doch was …. genau, die Eheleute Cole haben von dort aus mit Dead Moon und Pierced Arrows und den nicht minder genialen diversen Vorgängerbands quasi die alle Zeiten überdauernde Blaupause für Garagenrock geliefert. Und genau diesen Geist haben Top Down geradezu inhaliert - allem voran an der Effektivität des Songwritings zu erkennen. Das ist die Cole’sche Schule in Reinkultur (sehr gute Beispiele sind „Wanna be be alone“ und „Drink forever“). Aber eben keine billige Kopie - der Sound ist sauberer, die Gesangsstimmen hauen definitiv nicht in die whiskeygestählte Fred Cole-Kerbe, sondern sind fast schon zart.  Bei Fred und Toody’s letzter Unplugged-Tour haben Top Down im Vorprogramm gespielt, und das hat sich natürlich ganz wunderbar ergänzt. Der gute Fred weilt ja zwischenzeitlich leider nicht mehr unter uns, was hart zu akzeptieren ist. Bands wie Top Down helfen aber ungemein dabei, die Hoffnung nicht zu verlieren, dass es auch künftig geile, einfache, handgemachte Musik geben wird. Mensch, jetzt ist das ja fast mehr ein Artikel über Dead Moon als über Top Down geworden - soll aber heißen: phantastische Band, die selbst den Vergleich mit den Größten der Großen nicht scheuen zu braucht. Unbedingt reinhören - Anspieltipps spare ich mir dieses Mal, wirklich alle Songs sind stark.

[Jochen Praefcke]



Februar 2018

Lee Fields - Faithful Man

2012, Truth & Soul, TS018LP 

Side A: Faithful man, I still got it, You're the kind of girl, Still hangin' on, Intermission 

Side B: Wish you were here, Who do you love, Moonlight mile, It's all over (but the crying), Walk on thru that door

Lee Fields - Faithful Man (2012)

Ein Abend in der Lieblingsbar, fluffige braune Ledersessel, dicker Fellteppich, gedimmtes Licht, eine sich sehr langsam drehende Discokugel, nur mit weißem Licht angestrahlt - diese Platte ist der Soundtrack dazu! 70er-Jahre-Wohflühl-Soul vom Allerfeinsten, mitsamt schwülstigen Bläsersätzen und lauwarmen Streicher-Arrangements. Und dann diese Stimme von Lee Fields dazu, die manchmal recht stark an James Brown erinnert - was ihm den Spitznamen Little JB eingebracht hat, wenn man Wikipedia glauben darf. Verblüffend gut is das Songwriting bzw. die Songauswahl geglückt. Wenn man mal vom etwas … na ja, unnötigen  Instrumental-Stück „Intermission“ absieht, reiht sich hier eine Perle an die andere. Manche zünden sofort (wie z.B. „Faithful Man“), in manche muss man schon ein bisschen reinhören (wie z.B. „Still hangin’ on“). Mit „Moonlight Mile“ ist eine Coverversionen dabei, die dem Original der Rolling Stones vom 1971-er Sticky Fingers-Album locker das Wasser reichen kann. Noch viel verblüffender als die astreinen Songs ist allerdings die Tatsache, dass das Album im Jahre 2012 entstand. Ja, Retro ist schwerstens in Mode und irgendwie auch schon wieder total ausgelutscht. Mich persönlich fasziniert es trotzdem, wie der Zeitgeist so dermaßen spurlos an einem vorbeigehen kann. Herrlich. Wer keinen offenen Kamin daheim hat, kann sich alternativ mit dieser Platte an kalten Wintertagen das Herz wärmen (anhören, nicht anzünden, bitte!).

PS - Wem die Platte gefällt, dem sei auch dringendst die Platte „Dreamer“ von Bobby Bland empfohlen (Platte des Monats vom August 2017) ... die ist wirklich von 1974.

[Jochen Praefcke]



Januar 2018

The Baboon Show - The world is bigger than you - Kidnapmusic 062

Bad Dog Boogie - Motorfucker (2003) - Nicotin Records NIC 008

Cheap Sex - Written in Blood (2006) - PunkCore Records pc 44 cd

Danko Jones - We sweat blood (2003) - Bad Taste Records BTR 73

The Hellacopters - High Visibility (20009 - Universal 159 737-2

The Hives - Veni Vidi Vicious (2000) - Burning Heart Record BHR 107

The Kiss'n'Kills - Dead & Gone (2013) 

Machine Gun - Taste for blood (2001) - People Like You 015-2

The Smalltown Rockets - All eyes on you (2013) - Soulfood SRTSR001

 

 

 

"Mitten-in-die-Fresse-Rock'n'Roll"

Diesen Monat gibt’s keine spezielle Platte, sondern ein ganzes Genre, welches ich mal recht plump als „Mitten-in-die-Fresse-Rock’n’Roll“ bezeichnen will. Langsames Wohlfühl-Intro? Fehlanzeige. Ausufernde Gitarrensoli? Fehlanzeige. Sanfter Fade-Out? Ihr ahnt es bereits. Diese Bands und deren Lieder beschleunigen nicht groß von null auf hundert, sondern fahren meist direkt mit 250 km/h los, brettern durch und bremsen so abrupt wie sie gestartet sind. Kompromisslos, trocken, voll auf die zwölf … ja, mitten in die Fresse halt. Schwer zu beschreiben, muss man hören und spüren, wie es einem ins Gesicht springt. Und trotz des eher plumpen Ansatzes gibt’s durchaus verschiedene Facetten! Kleine Auswahl meiner Lieblingsplatten des Genres, mitsamt genauerer Facetten-Einordnung und Anspieltipp - bei diesen Songs sollte das Konzept klar werden. Anschnallen, laut aufdrehen, los geht’s: Anhängern des synkopischen Riffrocks sei Danko Jones ans Herz gelegt (We Sweat Blood - 2003: Wait a minute). Wer auf Punkrock und Ska steht, sollte zu  Kiss’n’Kills greifen (Dead & Gone - 2013: Too much). Ganz ähnliche Ecke, ohne den Ska-Touch: The Hives (Veni Vidi Vicious - 2000: Main offender). Auch aus der Punk-Ecke, aber eine ganze Spur härter, sind Cheap Sex (Written in Blood - 2006: Psychopath) und The Baboon Show (The World is Bigger Than You - 2016: Choose to ignore). Aus der Garagenrock-Ecke ist Bad Dog Boogie zu empfehlen (Motorfucker - 2003: Whole lotta hate). Selbst die Classic Rocker kommen auf ihre Kosten, nämlich mit Hellacopters (High Visibility - 2000: Sometimes I don’t know). Irgendwo zwischen Punk und hartem Classic Rock: Machinegun (Taste for Blood - 2001: Fingerless gloves). Interessante Sache, weil irgendwie schon etwas poppig: Smalltown Rockets (All eyes on you - 2013: Give it up , live it up). Ach ja, diese Liste könnte ewig weitergehen … Bitte nicht nur die Anspieltipps anhören, denn die ganzen Platten lohnen sich, ganz besonders bei Kiss’n’Kills und Bad Dog Boogie

[Jochen Praefcke]



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